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   Roland Exner

Karl Marx - und der Kapitalismus heute

 

 

Schade, der Brief ist nicht direkt von ihm... Ich kann meinen Sinneswandel nur selber kommentieren... Mit Vorbehalten habe ich früher an die Funktionsfähigkeit des Systems geglaubt: Die Theorie der sozialen Marktwirtschaft war überzeugend, die praktische Ausführung war nie ohne Stolpersteine, jedoch schien das System zu funktionieren. Und ich habe es verteidigt, auch "in der Theorie", siehe der hier eingefügte Leserbrief an den SPIEGEL aus dem Jahre... nicht zu fassen.... aus dem Jahre 1974. Zur Klarstellung: Hier spotte ich NICHT über die Marxsche Theorie, das wäre vermessen, sondern ich spotte, dass man "heute" (das war also 1974) noch an den Wahrheitsgehalt der Theorie glauben konnte. Und heute - also das "richtige" Heute, 2018 ff? - heute sind gewiss ganz andere gesellschaftliche Verhältnisse als zu Marx` Zeiten... Und doch greift die Marxsche Analyse wieder, die "Soziale Marktwirtschaft" existiert zwar noch, aber ihr Herz, der "Kapitalismus" schlägt im Rückwärtsgang. Marx müsste heute seine Theorie nicht verwerfen, sondern nur überarbeiten...

Die soziale Marktwirtschaft, ja, sie existiert noch, aber sie ist längst aus dem Ruder gelaufen. Nicht nur wegen der Finanz- bzw. Bankenkrise, nicht nur, weil diejenigen, die die größten Fehlleistungen bringen, die größten - und zum Teil irrsinnnige - Belohnungen erhalten. Das sind nicht nur Tatsachen, das sind die sichtbar werdenden Pestbeulen.

Die Arbeitnehmer werden wieder mit Hungerlöhnen ausgequetscht - zunehmend schleichen sich frühkapitalistische Prinzipien ins System. Die Politik scheint unfähig zu reflektieren, was sich da entwickelt. Man hat "dereguliert" und nochmal "dereguliert"- ohne eine klare Linie zu finden, wo Grenzen zu ziehen wären, welche Rahmenbedingungen gesetzt werden müssen, um Wettbewerb, Freiheit und Wohlstand für alle zu erhalten. Eine politische Partei, die konsequent die Interessen der Arbeitnehmer vertritt, gibt es nicht mehr... Jedenfalls gibt es kein wirklich spürbares Gegengewicht zum Großkapital, das sich machtpolitisch wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Symbolträchtig hier: Olaf Scholz, SPD, Bundesminister der Finanzen und Vizekanzler im Kabinett Merkel IV, holt Jörg Kukies als Staatssekretär zu sich, zuständig für die Themen Europa und Finanzmarkt. Kukies ist SPD-Mitglied - und Goldman-Sachs-Banker, seit 2014 hatte er die Leitung des Deutschland-Geschäfts mit Aktien, festverzinslichen Wertpapieren und Derivaten, dann auch den Co-Vorsitz von Goldman Sachs Deutschland und Österreich... Wessen Interessen wird er wohl vertreten? Goldman Sachs legt überall ihre Kuckuckseier in die politischen Nester, zum Beispiel Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, war ebenfalls bei Goldman Sachs, ebenso Mark Carney, der Gouverneur der Bank von England, und Steven Mnuchin, der amerikanische Finanzminister... Glaubt irgend jemand, allen voran Olaf Scholz, Jörg Kukies werde seine sicherlich umfassenden Kenntnisse dafür einsetzen, dass die Banken die Welt nicht mehr als Spielcasino (ohne eigenes Risiko) nutzen werden? Und dass sie sich auf ihre eigentliche Aufgaben beschränken? Nämlich vor allem die optimale Allokation der Ressourcen: Auf der einen Seite Geld einsammeln - und "dorthin" ausleihen, wo es die wirtschaftlichste Verwendung findet. Finanzgeschäfte dürften nicht zum Hauptzweck werden, sie müssten in einem vernünftigen Verhältnis zum Eigenkapital gehalten werden usw. Solche Rahmenbedingungen zu formulieren und durchzusetzen, wäre doch nicht allzu schwierig, Trial- und Error-Prozesse eingerechnet. Man muss nur wollen. Warum können sie nicht wollen? Verstehen sie die Funktionsweise der Marktwirtschaft nicht? Läuft alles über Interessen, Lobbies, Korruption? Oder eine Mischung aus alledem? Jedenfalls muss Goldman Sachs keinen Lobbyisten mehr in irgendein Hinterzimmer des Bundestages schicken, denn man ist optimal direkt in der Regierung und in der SPD vertreten.

Der Kuckuck wird zur Krake... In den USA wird unter Trump und Mnuchin (bzw. Goldman Sachs) ja inzwischen die ohnehin bescheidene Bankenregulierung wieder in den Rückwärtsgang geschaltet...  Deregulierung... Die Welt als Spielcasino... Das war nicht Teil der Marxschen Theorie. Aber ich glaube, mit einer entsprechend erweiterten Definition des "Kapitals" ließe sich die Theorie gut ergänzen. Wie auch die Verflechtung dieses "Kapitals" mit der Politik... die Konzentation des Kapitals in Großprojekte, die mittels Korruption zu sprudelnden Geldquellen werden.
Im Schatten all dieser Gespenster - die Armut, bei uns relativ, weltweit aber brutal und direkt spürbar.

Die relative Armut bei uns. Zum Beispiel Firmen, die Zeitarbeit vermitteln.
Diese Firmen könnten eine sinnvolle Vermittlerrolle zwischen Arbeitssuchenden und Firmen übernehmen, wahrscheinlich flexibler und effizienter als ein Arbeitsamt. Aufgabe politischer Gestaltung wäre es, die gesellschaftlich nützliche Aufgabe solcher Firmen durch die passenden Rahmenbedingungen sicherzustellen. Dass Zeitarbeitsfirmen angemessene Vermittlungsgebühren in Rechnung stellen, wäre natürlich in Ordnung. Aber wenn man sieht, ... achso,  natürlich sieht man das nicht! Aber wenn man herausfindet, welche Stundensätze für die "Zeitarbeit" zwischen den Firmen verrechnet werden und wie hoch die dann gezahlten Stundenlöhne an die Arbeitnehmer sind, nämlich (in der Regel) der "Mindestlohn", so muss man feststellen, dass diese Firmen für jede abgerechnete Stunde etwa zwei Drittel der Stundensätze abkassieren! Das ist schon eine unverschämte Ausbeutung, gedeckt durch die Politik. Man redet vom "Mindestlohn". Der "gerechte Lohn" ist nicht im Wortschatz, und es ist nicht anzunehmen, dass einer der Goldman-Sachs-Politiker den Begriff je in den Mund nehmen wird.

Die Wiedergeburt von frühkapitalistischen Praktiken beruht nicht auf "Naturgesetzen". Das müsste nicht sein. Allerdings war es für mich interessant, mein altes Referat1) aus der Studienzeit über die Marx´sche Theorie zu lesen. Kein Meisterwerk, Note 2-3, aber ohne Copy and Paste. Die Bedingungen, unter denen Marx seine Theorie entwickelt hatte, schienen damals überwunden. Und heute...? Ich will nicht sagen: "...Und die Bibel (des Sozialismus) hat doch recht..."  Aber, wie schon bemerkt, so ganz falsch liegt sie auch nicht... Den Leserbrief und das Referat würde ich heute ganz anders schreiben.

Inzwischen definiere ich Kapitalismus so: Es ist ein System, in dem sich die Interessen "des Kapitals" meist gegen die Interessen und das Wohlbefinden und Glück der Menschen durchsetzen, in der Bundesrepublik noch immer - aber immer weniger - abgefedert durch das sogenannte "Soziale Netz", aber im Weltmaßstab in immer brutaleren Dimensionen. Große Konzerne entwickeln sich zu Krebsgeschwüren, die das Überleben der Weltbevölkerung bedrohen. Die "unsichtbare Hand" ist laut Adam Smith das Geheimnis des Funktionierens des marktwirtschaftlichen Systems, das Leistungstreben der Menschen, der faire Wettbewerb. Wenn aber die Geldgier immer größere und mächtigere Konzerne entstehen lässt, der geldraffende Egoismus die Welt beherrscht und nicht gebändigt werden kann, dann hat das System seine Berechtigung verloren. Die Weltbevölkerung wird nur überleben können, wenn sie ein Gesellschaftssystem entwickelt, dass auf die Probleme angemessen reagieren kann.

 

1) Anmerkung zur Gliederung des Referats: Etwas verwirrend, da bei der Durchnummerierung von Kapiteln Punkte fehlen. Lies z.B. 2.1 statt 21